Marafiki vor Ort

Die nächste Reise steht 2017 an!

Reisebericht von Julia & Nathan (2013)

Am 27.09.2013 morgens um neun trifft sich die Marafikigruppe am Hamburger Flughafen mit gepackten Rucksäcken und Taschen, bereit für den dritten Besuch unserer tansanischen Freunde und Partner. Unsere Reise geht über Istanbul nach Dar es Salaam, dann zwölf Stunden mit dem Bus nach Iringa und nochmal acht Stunden auf Schotter- und Lehmpisten, durch weite Berge, in das auf 2400m hoch liegende Lupombwe.

Das erste überraschende Wiedersehen findet allerdings schon in Dar es Salaam statt. Pastor Pagalo und Godfrey, der Schulleiter der Grundschule Lupombwe, warten am Flughafen auf uns. Sie haben die lange und teure Reise aus den Bergen an die Küste unternommen, um uns zu begrüßen und zu eskortieren. Trotz der Uhrzeit, es ist 03:40 Uhr, sind alle glücklich und munter. Die Überraschung ist den beiden geglückt.

Nach unserer langen Busfahrt begrüßen uns unsere Gastgeber in Lupombwe singend und tanzend, das Dorf ist mit Wimpeln und Blumen geschmückt  – schöner kann man kaum begrüßt werden.

In der nächsten Woche werden wir unsere Quellprojekte besichtigen und die Schulen unserer fünf Partnerdörfer besuchen, um die Listen der von uns unterstützten Waisen zu erneuern. Dazwischen bleibt viel Zeit für gemeinsames Fußballspielen, Kikinga (die Stammessprache der Mkinga, die meisten Bewohner unserer Partnerdörfer gehören diesem Stamm an) und Kiswahili lernen, essen, reden und abends am Feuer sitzen.

Jeden Morgen gibt es für die, die möchten, einen Eimer heißes Wasser zum Waschen, denn Wasserleitungen gibt es in Lupombwe keine, auch die Stromleitung führt bis heute nur in das drei Stunden Autofahrt entfernte Kipengere. Dann gibt es zum Frühstück entweder Maisbrot, Chapatti (pfannkuchenähnliche Fladen) oder die frittierten Hefeküchlein Mandazi. Dazu wird literweise sehr süßer Schwarztee gereicht, wahlweise mit Milchpulver. Danach widmen wir uns unseren täglichen Aufgaben.

Am 7.Oktober tritt die Gruppe die Rückreise an und wir, das sind Nathan von Manteuffel und Julia Aries, bleiben in Lupombwe, das für die nächsten zwei Monate unser Zuhause sein wird. Mit uns läuft nämlich das Pilotprojekt an, dass Gruppenmitglieder länger in den Dörfern bleiben und in speziellen Bereichen arbeiten. In unserem Fall ist das Englisch unterrichten an der Mbalatse Secondary School.

Wir richten uns in einem ca. 9qm Zimmer im Gästehaus ein, Plumpsklo und Waschhäuschen hinter dem Haus, alles etwas klein, aber wir werden uns super mit unserem Zimmer arrangieren. Die Kirchenälteste Bibi Baraka kocht jeden Tag für uns in der Küchenhütte nebenan. Bibi heißt Großmutter, sie ist also die Großmutter von Baraka, einem unserer Form 1 Schüler. Bibi Baraka scheint immer gut gelaunt zu sein und unsere kleine Sprachhürde- sie spricht kein Englisch, wir kaum Kiswahili, geschweige denn Kikinga- sorgt immer wieder für Lacher, Missverständnisse und skurrile kleine Lehrstunden.

Bevor wir anfangen zu unterrichten, haben wir eine Woche Zeit, um uns einzuleben, also testen wir unseren künftigen Schulweg von 7km hin und 7km zurück, lernen das Kollegium der Schule kennen, gucken, wo wir am besten Trinkwasser filtern können und helfen hier und da beim Steineschleppen für das neue Gästehaus oder beim Kochen, trinken viel gesüßten Tee. Jeden Abend essen wir mit der Familie Pagalo, Godfrey und anderen täglich wechselnden Gästen. Godfrey wird trotz der 22 Jahre Altersunterschied unser bester Freund in Lupombwe, der uns immer hilft und ohne dessen Englischkenntnisse unsere Abendessen sehr viel ruhiger gewesen wären, da auch Pagalos nur wenig Englisch sprechen und ein Übersetzer so die Kommunikation erleichtert hat. An Gelegenheiten zu essen mangelt es nie, und während unseres gesamten Aufenthalts sind wir selten auch nur ein bisschen hungrig, wenn es wieder einmal etwas zu essen gibt. Dass wir kein Fleisch essen, finden unsere Gastgeber lustig, aber es erleichtert auch vieles, denn Fleisch ist teuer und müsste für das tägliche Essen aus der Stadt geholt werden. Also gibt es in wechselnder Zusammensetzung Reis, Kartoffeln, den Maisbrei Ugali, der in der Konsistenz an festen Grießbrei erinnert und Hauptkalorienlieferant in Tansania ist, Bohnen, Kohl, Boga ma Boga (schmeckt wie Spinat), sogenanntes Chinese (grünes Blattgemüse), Erdnuss-Tomaten-Soße und Katchumbali, ein Salat aus Zwiebeln, Möhren und Tomaten. Traditionell isst man in Tansania Ugali, der mit der rechten Hand zu Bällchen mit einer Einkerbung geformt wird, mit denen man dann Bohnen oder Chinese vom Teller nimmt.

Nach der ersten Woche beginnen wir in der Schule zu unterrichten. Das tansanische Schulsystem ist eingeteilt in Primary School bis Standart 7, worauf Secondary School von Form 1 bis 6 folgt. Jedes Schuljahr wird mit einer Woche Examen beendet, alle zwei Jahre wird über die Versetzung entschieden.  Die ersten sieben Jahre wird auf Kiswahili unterrichten, das für die meisten die erste Fremdsprache ist, da Zuhause die jeweilige Stammessprache gesprochen wird. In der Secondary School wechselt die Unterrichtssprache dann zu Englisch. Jeder Absolvent eines Lehramtstudiums erhält einen vom Staat zugewiesenen Arbeitsplatz. Diesem Umstand ist es wohl zu verdanken, dass unsere Schule fünf Lehrer für geisteswissenschafliche Fächer hat und Mr. Mwenda als einziger die Naturwissenschaften unterrichtet. Insgesamt besteht das Kollegium also aus sechs Lehrern, die drei Klassen a 28 Schüler unterrichten. Die Mädchen haben einen improvisierten Schlafsaal mit 23 Matratzen für 46 Mädchen, für Betten fehlt das Geld. Die Jungen schlafen bisher noch im Dorf, aber für den geplanten Schlafsaal werden bereits Ziegel gebrannt.

Für uns ist schnell klar, dass wir außer Englisch keine weiteren Fächer unterrichten können, da wir beim Besuchen von Unterrichtsstunden der anderen Lehrer merken, dass Kiswahili zum erneuten Erläutern und Erklären nach fast jedem englischen Satz nötig ist. Also besprechen wir, dass wir jeden Tag 1 1/2 Stunden Form 1 und Form 3 unterrichten werden. Das Leistungsniveau ist sehr unterschiedlich; während wir mit sechs Schülern in Form 3 anspruchsvolle Diskussionen führen können, müssten andere Schüler derselben Stufe eigentlich den Stoff aus Form 1 erst einmal verstehen lernen. Die Lehrer sind sich dieses Problems bewusst und sagen resigniert, dass der Sprung zum Englischen nach Standart 7 einfach zu schwer sei. Oftmals besteht der Unterricht daraus, Fakten von der Tafel abzuschreiben und auswendig zu lernen, Verständnis ist Nebensache und abgeschriebene Fehler werden mit gelernt. Das führt dazu, dass Vokabeltests überragend ausfallen, während das Nacherzählen von kurzen Texten große Probleme bereitet. Hierbei muss man sich überlegen, dass die gleichen Schüler auf Englisch biologische Prozesse wie Osmose begreifen sollen. Erschwerend kommt dazu, dass selbst das Englisch der Lehrer nur als Mittelmaß bezeichnet werden kann, weshalb wir schon nach der ersten Unterrichtswoche die Funktionalität eines solchen Bildungssystems fragwürdig finden.

Die ersten Unterrichtsstunden in Form 3 beginnen mit dem Nacherzählen kurzer Geschichten und Texte. Ein Beispiel ist ein Text über Wallace und Gromit, eine Kindergeschichte von einem Mann und seinem schlauen, sprechenden Hund, die gemeinsam Dinge erfinden. Damit die Schüler alles verstehen, klären wir bestimmte Vokabeln vorab, beispielsweise das für die Geschichte essenzielle Wort „dog“. Einer der Schüler stellt die Definition „an animal that is kept mostly for security purpose“ auf. Das ist soweit korrekt, scheint die Klasse jedoch zu verwirren und so lesen wir später beim Korrigieren der Zusammenfassungen viele Sätze wie „Wallace keeps dog, which is clever animal for security purpose.“ Dass der Hund spricht und Dinge erfindet, wurde nicht verstanden.

Form 1 stellt eine noch größere Herausforderung dar, denn bevor wir hier unterrichten können, müssen wir erreichen, dass nicht nur der Klassenbeste Michael, sondern auch der Rest der Klasse sich traut, mit uns zu sprechen. Besonders die Mädchen sind unglaublich schüchtern, verstecken ihr Gesicht hinter ihre Händen, wenn sie die Antwort nicht wissen und drangenommen werden. Insgesamt scheint es uns so, als würden wir bei Form 1 in Englisch bei Null anfangen.

Nach einigen Stunden haben wir herausbekommen, wie man die Schüler motivieren und begeistern kann: alles, was aus dem Schema des Frontalunterrichts ausbricht, wie kleine Schauspieleinlagen, Gruppenarbeit und das aktive Einbeziehen der Schüler, führt zu mehr Beteiligung, besser verstandenen Ergebnissen und viel Gelächter.

Wenn wir nicht unterrichten, lernen wir von der Lehrerin Redemta über offenem Feuer in dem Küchenhüttchen der Schule kochen. Jeden Tag wird hier für die Schüler in Tonnen über dem Feuer zum Frühstück Uji (Getreide mit Maismehl zu einem Brei gekocht) und mittags Ugali mit Bohnen zubereitet. Dabei kommt es zu vielen spannenden Unterhaltungen mit Redemta und den anderen Lehrern über Unterschiede zwischen Deutschland und Tansania, Korruption, die Stammeskulturen, unterschiedliche Bildungssysteme und viele andere Themen. Meistens bleiben wir bis mittags in der Schule und laufen dann zurück nach Hause, nur mittwochs und freitags bleiben wir länger, da sich dann alle Fußballlustigen aus Mbalatse, Iduda, Kisasatu, Ludodolelo und Lupombwe treffen, um auf dem Fußballplatz der Secondary School zu spielen.

Wenn wir nach unserer zweiten täglichen Wanderung zuhause ankommen, sind wir meistens allein und verbringen die Zeit bis zum Abend mit Teetrinken, Spielen, zur Quelle von Lupombwe gehen und Wasser filtern, lesen, unsere Wäsche zur Quelle tragen und dort mit der Hand waschen, Unterricht vorbereiten oder unseren Freund Godfrey in der Lupombwe Primary School besuchen. Abends treiben wir, wenn Herr Pagalo das nicht auf seinem Rückweg von der Shamba (kleines Feld) gemacht hat, die drei Kühe der Familie Pagalo in den Stall. Danach wartet Bibi Baraka darauf, dass wir uns einen Eimer heißes Wasser bei ihr in der Küche holen, denn bevor wir uns nicht beide gewaschen haben, ist für sie ein Abendessen ausgeschlossen.

Die Wochenenden sind ruhig, jeden Sonntag besuchen wir den Gottesdienst und verbringen die Zeit danach oft damit, Godfrey in die Benutzung seines neuen, von der Marafikigruppe mitgebrachten Laptops einzuweisen, um so die Kommunikation mit unseren Partnern und Freunden zu verbessern.

An zwei Wochenenden haben wir die Ehre, an besonderen Festivitäten teilzunehmen. Aliko, einer der Lehrer der Lupombwe Primary School, heiratet und hat die Marafikigruppe zur Hochzeit eingeladen, die in seinem Heimatdorf und dem Wohnort seiner Verlobten Lilian stattfinden wird. Zusammen mit einer ausgewählten Delegation aus dem sogenannten Hochzeitsplanungskommitee starten wir als Vertreter der Marafikigruppe eines Samstag morgens um halb vier die fünfstündige Schotterpistenautofahrt mit dem Landcruiser der Gemeinde Lupila. In Tansania organisieren die Freunde des Heiratenden in einem Planungskomitee große Teile der Hochzeit und jedes Mitglied des Komitees spendet so viel Geld Für die Feier wie er möchte. Von der dadurch entstehenden Summe erhält der Bräutigam 1/4, um für sich und seine Braut passende Kleidung schneidern zu lassen. Wenn Paare unter den Gästen sind, sollten auch diese möglichst uniform kommen, was dazu führte, dass wir auf dem Rückweg von der Schule von einem Bekannten abgefangen wurden, der uns erklärte, Frau Pagalo habe ihn gebeten,  mit uns zur Schneiderin zu gehen, damit diese unsere Maße nehmen könne. Mit unseren braun-weiß gemusterten Anzügen erreichten wir gegen zehn Alikos Haus, an dem wir mit viel Gesang, Getanze und natürlich Unmengen an Reis begrüßt wurden. Die Hochzeit war eine sehr amüsante, spannende Mischung aus tansanischen Traditionen und Vorführung westlicher Statussymbole. Beispielsweise endete der traditionelle Gesang häufig mit aus den überdimensionalen, bunt leuchtenden Boxen schallenden Popmusikfetzen, die der vor dem Altar positionierte DJ scheinbar willkürlich erklingen ließ. Und wenn das Paar , er im schwarzen Anzug mit Glanzoptik, türkisfarbenen Hemd und weißen Krokodilleder-Imitat-Schuhen, sie in einem weißen Kleid mit unsagbar viel Tüll und Rüschen, in die Kirche einzieht laufen sie dabei, umringt von tanzenden, singenden Verwandten auf einem vor ihnen ausgebreiteten Teppich aus Kangas (bunte traditionelle Stofftücher). Und nach dem vierstündigen Gottesdienst gibt es landestypisches Pilau (Gewürzreis mit Kartoffeln und Zwiebeln), aber natürlich auch Coca Cola. Wir sind beeindruckt davon, wie man für 200 Gäste so viel Essen über dem Feuer kochen kann. Erst um 20:00 Uhr macht sich die Delegation aus Lupombwe auf den Rückweg, wobei  die Feier noch lange nicht zuende ist.

An unserem vorletzen Wochenende werden die Konfirmanden der Gemeinde konfirmiert. Darunter befindet sich Godfreys Tochter Martha und Alikos Neffe Nelson. Die beiden haben uns zu ihrer Konfirmationsfeier eingeladen, die nach dem dreistündigen Konfirmationsgottesdienst in Godfreys  Haus stattfindet. Nachdem die Gäste das große, unglaublich leckere Buffet von Mama Martha (der Name kommt genauso zustande, wie der unserer Kirchenältesten Bibi Baraka) genossen haben, werden den beiden Konfirmanden zu einem bestimmten Lied tanzend ihre Geschenke überreicht, die von Kangas bis zu Hottipottis (Aluminiumbehälter zum Warmhalten von Gerichten) und Teekannen reichen. Danach wird noch lange getanzt und gesungen, egal ob Godfreys jüngster Sohn Steven oder Bibi Baraka, alle tanzen mit, amüsieren sich über unsere kläglichen Tanzversuche und scheinen sehr glücklich. Das ist insgesamt bestimmt die schönste, ungezwungenste und familiärste Konfirmation, die wir je besucht haben.

So ging unsere Zeit in den Bergen zum Schluss doch schneller um, als wir gedacht haben. Als wir bei dem letzten Abendessen mit unseren neu gewonnenen Freunde zusammen sitzen, Abschiedsgeschenke überreichen und empfangen und ein vorerst letztes Mal Ugali mit Boga ma Boga essen, wissen wir bereits, dass wir Familie Pagalo, die netten, gastfreundlichen und offenen Menschen in Lupombwe und die wunderschöne Natur sehr vermissen werden. Wir sind aber auch erleichtert, wieder selbst entscheiden zu können, was und wann wir essen, und nicht mehr versuchen zu müssen, immer gut gelaunt auszusehen. Es ist uns bewusst, wie anstrengend es ist, Gäste zu haben, und wir können Familie Pagalo und insbesondere Pastor Pagalo nicht oft genug dafür danken, wie selbstverständlich sie uns in ihre Familie aufgenommen haben. Aber auch Gast zu sein ist für eine so lange Zeit nicht einfach, da wir unseren Gastgebern natürlich eine so kleine Last wie möglich sein wollten und ihre Gastfreundschaft würdigen wollten, indem wir gute und höfliche Gäste sind. Für die Zukunft wäre eine andere Wohnsituation für längere Aufenthalte von Gruppenmitgliedern angenehmer, da wir ein gewisses Maß an Selbstständigkeit vermisst haben.

Insgesamt hatten wir eine erfahrungsreiche, produktive, spannende und schöne Zeit in Lupombwe, in der wir unsere Partner selbst, das Leben in den Dörfern und das Schulleben besser kennengelernt haben.